Hard Times – „The Perfect Son“ (1999)

von alexandreandhephaistion

51M62534GWLIch muss zugeben, bei Filmen bin ich empfindlich. Die können mich ganz schnell hochziehen aber auch ziemlich deprimieren. Außerdem, mein dunkles Geheimnis, ich kaufe gerne mal eine DVD, ein Buch oder eine CD bei Woolworth aus der Wühlkiste. Da findet man oft für ein paar Euro tolle Sachen! Und mit der DVD von „The Perfect Son“ (Kanada 1999) dachte ich auch, ein tolles Schnäppchen gemacht zu haben, verkaufte mir doch das Cover den Film als richtiges Männerdrama, zwei Brüder finden zueinander, einer Ex-Junkie, der andere homosexuell und HIV-Positiv, und der Vater ist auch noch wichtig.

Ha ha. Ich habe selten so einen ekelhaften Film gesehen – „SAW“ ist ein Kindergeburstag dagegen! „A Streetcar Named Desire“ fand ich noch ähnlich widerlich, aber das ist eine ganz andere Liga (und Tennesse Williams). Im Endeffekt pflegt der gute Bruder den bösen Bruder zu Tode, hört sich höflich sein Geschwafel an und erlöst ihn am Ende mit einer Überdosis Heroin. Er wechselt die Bettwäsche und der Film ist aus.

Sooo einfach ist das natürlich nicht. Hier wollte jemand Rache nehmen. Der (potthässliche) Regisseur pflegte seinen eigenen Bruder durch die AIDS-Erkrankung durch und wollte sich wohl jetzt ein Denkmal setzen und ein für alle Mal festschreiben, was für eine dumme Schwulette sein Bruder nicht war. So ist es doch interessant, das der gute Bruder erstens der einzig gutausehende Mann in dem Film ist, zweitens sich als einziger anständig kleidet – die anderen Männern sehen aus wie frisch aus der 1990er-Altkleidersammlung, und drittens der Held und tollster Kerl aller Zeiten ist. Die Schwarz-Weiß-Malerei des Films ist aber schon krass:

  • der gute Bruder: maskulin, gutaussehend, sensibel, intelligent, humorvoll, gedankenvoll, verantwortungsbewusst, reißt sich selbst aus dem Drogensumpf raus, tolerant, will Vater werden und mit der Liebe seines Lebens eine Familie gründen => heterosexuell
  • der böse Bruder und seine Freunde: hässlich, schwuchtelig, bitchig, oberflächlich, vögelt alles was geht, kein Beziehungsmensch, wehleidig, keine Selbstreflektion, arrogant, dauernd in Sexclubs, selbstherrlich, HIV-Positiv => homosexuell

Hoppala! Die Welt ist so einfach und der gute Bruder so ein Held, dass er sich so um seinen Assi-Bruder kümmert und sogar dessen eklige Freunde erträgt, die ihn nur anbaggern. Er traut sich sogar in einen schwulen Sexclub, der ungelogen aussieht wie eine Vampirhöhle mit jungen Männern, die den guten Bruder nur dämonisch anstarren, als wollen sie sein Blut aussaugen, und denen es scheißegal ist, dass der Assi-Bruder einen Atemstillstand im Sexclub hatte. Wenn man(n) HIV-Positiv ist, ist der Sexclub natürlich the place to go.

Die Familiengeschichte und die psychischen Hintergründe der Figuren werden nur minimal angerissen. Es geht nur darum: der Hetero-Bruder ist der Held – weil er hetero ist? In der Tat ist klar, dass der böse Bruder sich selbst eigentlich hasst und ein Problem mit seiner Sexualität hat, er vertraute sich ja auch seiner Familie nicht an, und das durch Arroganz und selbstzerstörerisches Verhalten maskiert. Blöd nur, dass in dem Film alle Homos so psychische Wracks sind.

Ich will jetzt aber gar nicht behaupten, der Regisseur hatte das alles nur erfunden. Wenn man gute, kritische Bücher über (männliche) Homosexualität aus den 1990ern liest, wie Bruce Bawers „A Place at the Table“ (1993), oder Gabriel Rotellos „Sexual Ecology: AIDS and the Destiny of Gay Men“ (1997), weiß man, dass viele in der Schwulenszene damals so drauf waren. Und es auch jetzt vielleicht noch sind.

Das ist das wirklich Traurige an dem Film, dass die homosexuellen Männer dort nicht einfach nur reine Erfindungen sind. Sieht man sich aber heutige homosexuelle Filme an, bekommt man auch ein ganz anderes Bild präsentiert. „Boy Culture“ ist so ein kluger und guter Film beispielsweise, oder „A Single Man“. Es geht auch anders.

Ich sage ja immer, der LSVD sollte gratis Psychotherapieplätze anbieten. In der Tat ist man als homosexueller Mann in Deutschland verratzt, denn die guten (Selbsthilfe-)Bücher sind alle auf Englisch. Als ich ein Jugendlicher war, gab es deutsche Ratgeber, die einem die Szene und den Blödsinn, der dort so geglaubt wurde, erklärten. Na toll.

Und die 1990er waren eine schlimme Zeit, der Film erinnerte mich wieder daran. So richtig glücklich war da glaube ich niemand, schon gar nicht die homosexuellen Menschen.

Seien wir froh, dass wir im Hier und Jetzt leben und Machwerke wie „The Perfect Son“ getrost in die Tonne kloppen können!

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