Analytiker, analysiere dich selbst! (Zu Richard Isays „Being Homosexual: Gay Men and Their Development“)

von alexandreandhephaistion

two-gay-adolescentsAnscheinend wird Richard Isays Arbeit (darauf aufbauend schrieb und schreibt er munter weiter) besonders im Anglo-Amerikanischen Raum gerne als wichtiger Klassiker angesehen. Ein ziemlich fataler Fehlschluss, in meinen Augen. Erstens einmal ist sein Werk in der (freudschen) Psychoanalyse verhaftet. Schon für diese theroetische Basis gibt es heute genug berechtigte Kritik, die hier nicht aufgezählt werden muss/kann, und das Modell der Psychoanalyse beherrscht Isays Denken auf einschränkende Weise.

Ein generell weit verbreiteter Fehler, den Isay begeht, ist, dass er seine Arbeit auf case studies fußt. Natürlich, als Psychoanalytiker eine praktische Methode, er scheint sich aber nicht deren Limits bewusst zu sein. Erstens gibt er damit nur die Entwicklungsgeschichten von Männern wieder, die so problembelastet waren, dass sie einen Analytiker aufsuchten. Das gibt einem zu denken, wenn er immer von „normal development“ etc spricht. Zweitens kam er damit nur an Männer ran, die in einer sicherlich streckenweise extrem homophoben Zeit (1989), auch im „wilden“ Amerika, bereit waren, ihm, einem Arzt, überhaupt mitzuteilen, dass sie auf das eigene Geschlecht stehen. Das waren sicher auch eher Männer mit bestimmten Eigenschaften und nicht eine breite Palette von Charakteren. So erscheint es schon nur so oberflächlich gesehen als fatal, dass Isay aus diesem „Datenpool“ Aussagen treffen will, die er generell allen homosexuellen Männern zuschreibt.

Das ist allerdings allgemein eine recht ärgerliche Krux mit vielen Studien oder Statistiken der Soziolgie. David Buss‘ „The Evolution of Desire“ (wenn ich mich an den Titel richtig erinnerte) stellte krasse Thesen auf mit Schlussfolgerungen wie Frauen sollten sich Faceliften lassen, (heterosexuellen) Männern gefiele das etc, wie sich danach herausstellte, war seine Hauptgrundlage anscheinend die Befragung von College-Studenten beim Weggehen. Das diese „Wählerschaft“ eigene Präferenzen hat, die vom Alter, der Situation etc. bestimmt werden, liegt wohl auf der Hand. Ganz abgesehen von dem Einfluss der Medien, der bei so Studien gerne mal heruntergespielt wird. Oder um auf das Thema des vorliegenden Buches zurückzukommen, irgendwelche Schmafu-Studien über homosexuelle Männer und ihre Hobbies oder ähnlich Weltbewegendes werden gerne in Szene-Bars durchgeführt, sicher aus rein praktischen Gründen, dass das dortige Klientel aber recht eigen, um nicht zu sagen psychisch auffällig sein kann und die „Szene“ für viele am gleichen Geschlecht interessierte Männer keine Heimat und kein (konstantes) „Betätigungsfeld“ ist, hat sich bei so manchen wohl noch nicht herumgesprochen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. (Und sicherlich schon gar nicht 1989. Heutzutage gehen ja auch gerne mal Heteros in Schwulenbars.)

Allgemein ist das Werk auch veraltetem Wissen verpflichtet, aber das ist bei dem Erscheinungsjahr auch kein Wunder. Auch heutzutage gerne wiedergekäute homophobe, irgendwo rassistische Theorien über abweichende Hormone etc werden als neuestes Wissen verkauft, wenn auch nur nebenbei. Breiteren Raum nimmt die Darstellung des „femininen“ Verhaltens homosexueller Männer in der Kindheit ein, auch so eine alte Gedankenblase, die irgendwie immer noch rumgeistert. Isay spricht von ästhetischen, künstlerischen Zügen, erhöhter Sensibilität, sanften Charakterzügen usw. Er begeht den Fehlschluss, dies als Ausdruck der Homosexualität der Männer zu werten und ist damit einem alten homophoben Klischee aufgesessen. Genauso könnte man dies als generellen Charakterzug von heterosexuellen wie homosexuellen Männern werten, die (zB aufgrund ihrer Sensibilität) bereit sind, einen Analytiker aufzusuchen bzw einen aufsuchen müssen, oder, die offen zu Dingen wie Homosexualität (oder Depressionen etc.) besonders im Jahr 1989 standen (oder überhaupt schwere psychische Probleme haben). Das (angeblich, aber wirklich statistisch halte ich das eh nicht für belegbar) in künstlerischen Berufen mehr homosexuelle Männer arbeiten als sonstwo, ist nicht zwangsläufig ein Ausdruck einer „Künstlernatur“ bzw. „Exzentrizizät“ von gleichgeschlechtlichem Begehren, sondern eher eine Folge der Tatsache, dass solche Berufe immer schon ein sicherer Arbeitsplatz für Minderheiten waren, egal welcher Art. Es herrscht(e) dort ein eher toleranterer Wind. (Na ja, vom Bolshoi-Theater mal abgesehen. Wieder ein Argument gegen Pauschalisierungen.)

Isay konstruiert sein „normal development“ dann augrund von Schablonen der Psychoanalyse. Da geht es Ablehnung von seiten des Vaters, Begehren des Vaters etc. Das Kinder erotische Gefühle für den Elternteil einmal haben, der dem ihnen gefallenden Geschlecht entspricht, halte ich nicht für abwegig. Genauso können es aber auch Geschwister sein, wenn man nur die Familie betrachtet, die einen auch später in der Partnerwahl beeinflussen. Das ist die Krux seiner These, homosexuelle Männer suchten nach dem Vater in einem Partner, irgendwo auch wieder so eine Pathologisierung oder Verallgemeinerung, suchen heterosexuelle Männer nach der Mutter? Oder sucht man(n) nicht oft das Gegenteil? Oder eine Mischung? Es ist ja auch eine Tatsache, dass oft eine Widerspiegelung einer früheren Eltern-Kind Beziehung zu fatalen, destruktiven Beziehungen im Erwachsenenalter führt, wenn die damalige Beziehung nicht OK war. Mir gefällt immer dieser heidnische (?) Vermählungsspruch, in der Beziehung sei man „Vater, Sohn, Freund, Bruder, Geliebter“ oder so ähnlich (für Frauen dann äquivalent formuliert), der die vielen Rollen und aber auch die vielen Gründe für die Anziehung zu einer Person viel besser trifft in meinen Augen. Irgendwo asexualisiert oder verkindlicht es ja auch den Beziehungswunsch, wenn man einem Mann unterstellt, er suche primär nach einem Vater (oder einer Mutter). Die Männer, die das tun, halte ich für nicht unbedingt „normal“ entwickelt.

Isays Werk ist auch durchzogen von Mythen oder Binsenweisheiten der „Bewegung“, wie „Outing immer und überall, dann gehts dir super“ oder sich selbst als „gay“ zu bestempeln und „gay“ zu leben, sei befreiend. Immer mehr werden diese hinterfragt, ich denke an Blogs wie frotnation.com oder Autoren wie Bruce Bawer oder Jack Donovan. Das ist aber ein anderes, komplexeres Thema, aber wohl auch der Grund für das heutige Unglück so einiger homosexueller Menschen, das sich gerne hinter „Pride“-Masken verbirgt und sich ausdrückt zB in Sexsucht, Drogensucht (Crystal Meth). Zur Sexsucht bzw Angst vor fixen Beziehungen äußert sich Isay aber seinem neuesten Werk „Commitment and Healing: Gay Men and the Need for Romantic Love“ wieder mit seinem gängigen Muster der schlechten Eltern-Kind Beziehung, der Vater verstoße den homosexuellen Sohn, die Mutter vereinnahme ihn, weil er ja diese „feminine“ Natur zeige. Wiederum a) diese Pauschalisierung aufgrund eines heteronormativen Konstrukts nur wohl aufgrund von seinen Patienten (!) und b) eine ziemliche Unterstellung, alle homosexuellen Männer hätten Angst vor einer fixen Beziehung, und das alle genau aus den Gründen, die er gefunden haben will. (Und c) heterosexuelle Männer mit diesem Problem gibt es nicht? Und die waren dann keine „femininen“ Jungs, oder wie?)

In der Tat halte ich damit Richard Isays Werk für in seiner entschlossenen Naivität und Unreflektiertheit von eigener heteronormativer Verankerung bzw seiner Grundlagen für gefährlich, nimmt man(n) es für bahre Münze, was der gute Herr Isay und so einige andere ja anscheinend immer noch tun.

Ach ja:  Bisexualität gibt es für Herrn Isay anscheinend nicht?! Oder die Kinsey-Skala? Oder die (freudsche?) Theorie der angeborenen Bisexualität, die dann in die eine oder andere Richtung sich ausbalanciert (auf unterschiedlichste Art und Weise)?

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